Einer der Besten

„Der Artikel fasst meine aktuelle sportliche Situation recht gut zusammen. Ich für meinen Teil arbeite weiter hart und bin bereit, wenn ich spiele. Wichtig ist, dass wir am Samstag gut in die Bundesliga starten.“ (Nils Petersen, August 2014)

Wie empathisch darf ich als Fußballfan eigentlich sein, ohne dass man mir berechtigterweise vorwerfen könnte, keine Ahnung zu haben, vom modernen Fußball im Jahre 2014? Wie viel Verständnis darf ich für Spieler und Trainer aufbringen, die Probleme damit haben, ihr Potential abzurufen? Die Woche für Woche nicht richtig in die Spur finden – und das auch noch in unserer aktuellen Situation? 

Nils Petersen kam als großer Hoffnungsträger nach Bremen. Als Torschützenkönig der 2. Liga und Leihgabe der Bayern waren sich die meisten einig: „Der muss was drauf haben.“ Petersen kam schnell klar beim SVW – mal bessere, mal weniger gute Leistungen – immer aufopferungsvoll. Schnell wurde außerdem klar, dass dieser Spieler auch abseits des Platzes eine Menge zu bieten hat. Offenheit, Ehrlichkeit und eine außerordentlich selbstreflektierte Art bescherten ihm recht zügig Sympathien in großen Teilen der Anhängerschaft.

2014 – Nils Petersen hat Probleme, sportliche Probleme. Zuletzt unter Dutt kaum noch in der Mannschaft, rotierte auch der neue Superstar der Trainerszene Viktor „Skrippo“ Skripnik den  26-Jährigen aus dem Kader. „Taktische“ Gründe, heißt es. Er scheint aktuell neben den übrigen Offensivkräften keine Chance zu haben. Nun hätte er im Rahmen der Gepflogenheiten unter jungen Fußballprofis unserer Zeit diverse Optionen, mit seiner Situation umzugehen. Sich zurückziehen, wäre sicher eine. Zu „schmollen“ und Unzufriedenheit in jedes Mikro zu posaunen, das ihm vor die Nase gehalten wird, ginge auch. Das Kundtun von potenziellen Wechselabsichten – allemal ein gangbarer Weg. Fans und Verein würden nicht feiern – aber hey, so läuft das heute!

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Nils Petersen ist frustriert. Das sagt er in Interviews und das merkt man ihm an, wenn er einen dieser zahlreichen persönlichen Facebook Posts auf seinem Profil absetzt. Aber Groll oder Resignation? Absolut nicht. Er zieht sich den Schuh selber an und er spricht sich und allen anderen Geduld und Mut zu. Petersen steht zu WERDER und zu seinem Vertrag. Ganz unaufgeregt und vor allem, vollkommen ehrlich. Im August gab es einen Artikel einer Bremer Zeitung, der sich wirklich mehr als kritisch mit dem Spieler Nils Petersen auseinandersetzte. Der Stürmer – bereits damals schon in einer schwierigen Situation – bezog nicht nur Stellung, er postete diesen Artikel mit dem persönlichen Kommentar „Der Artikel fasst meine aktuelle sportliche Situation recht gut zusammen. Ich für meinen Teil arbeite weiter hart und bin bereit, wenn ich spiele. Wichtig ist, dass wir am Samstag gut in die Bundesliga starten.“ auf seiner Facebook Seite. Dass einer sich so in den Wind stellt, habe ich – ohne Übertreibung – bis dato von noch keinem Fußballprofi erlebt. 

Die Antwort auf die Frage „Wie empathisch darf ich als Fußballfan eigentlich sein, ohne dass man mir berechtigterweise vorwerfen könnte, keine Ahnung zu haben, vom modernen Fußball im Jahre 2014?“ lautet definitiv: Es ist mir scheißegal! Dieser Sport ist heute auf Typen wie Nils Petersen angewiesen. Ich will solche Jungs in meinem Verein haben und ich möchte, dass sich andere in vielerlei Hinsicht ein Beispiel an solchen Typen nehmen. Natürlich steht er unter Druck, nun auch sportlich schnellstmöglich in die Spur zu kommen. Vielleicht lösen sich da Denkblockaden, vielleicht löst sich da gar nichts und er spielt in ein paar Monaten ganz woanders. Mag sein. 

Ich wünsche Nils Petersen das Beste für die kommenden Wochen und habe große Hoffnungen, ihn bald wieder regelmäßig für uns auflaufen zu sehen. In meinem kleinen Fußballkosmos ist es nämlich tatsächlich so, dass ich notfalls lieber mit einem Team von Spielern des Kalibers „Petersen“ in die 2. Liga gehe, als mit einem Club Lamborghini-fahrender Vollhonks in die Champions League einzuziehen. 

Isso. 

Burning Bush

(Foto: antenne.com)

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