Das Herz schlägt leise

Der Grad meiner persönlichen Verärgerung unterscheidet sich bei einem 0:6 nicht signifikant von dem bei 0:3. Deutliche Niederlagen gehören zum Fußball. Der SV Werder hat sie viele Jahre lang anderen verpasst und muss sie mittlerweile selbst einstecken. Das ist nicht mein Problem, ich kalkuliere damit. Worauf es mir ankommt und worum ich mir langsam einige Sorgen mache, ist die Struktur des Kaders, und zwar die mentale.

Ich werde mich nach wie vor nicht auf die klassische „Leader-Diskussion“ einlassen. Aus meiner Sicht ist die Idee eines einzelnen Leitwolfes, der dem Rest „in den Arsch“ tritt ungefähr so überholt, wie Winterfußball ohne Rasenheizung. Aber ich sehe im aktuellen Mannschaftskollektiv durchaus Defizite diesen Bereich betreffend. Das Herz dieser Mannschaft, es schlägt zu leise.

1692428114-341_008_2619874_syk_mantel-28a7

Die Spieler, die meiner Ansicht nach die „Werder-Kragenweite-2015“ haben treten zu passiv auf. Ich mag die Jungs, aber Junuzovic, Bartels, Santi, Theo oder Bargfrede stärken den Rest mental zu wenig. Sie scheinen charakterlich zu zurückhaltend um das zu tun. Bitter: Genau die Tugenden der Zurückhaltung, angenehmen Sachlichkeit und Sympathie sind es, weswegen wir einzelne Spieler letztlich ins Bremer Herz schließen und wodurch sie dann und wann mit etwas Glück zum Werderaner werden. Genau diese Dinge werden in der aktuellen Masse zum Problem. Eine Handvoll Spieler muss Situation erkennen, die Dinge mehr beeinflussen, und den Kampf annehmen. Gepaart mit der entsprechenden Ausstrahlung und Emotion (die ich den genannten Spielern auf keinen Fall absprechen möchte) müssten sie so den Rest – insbesondere die Riege der jungen Spieler – mitreißen. Ich sehe genau da in der Kaderzusammenstellung ein Problem, das sich in jüngster Zeit immer deutlicher zeigt.

Natürlich könnte man diese Problematiken überbrücken. So gehe nach wie vor davon aus, dass man erneut einen Lauf, wie jenen zu Beginn von Skripniks Amtszeit initiieren kann. Wenn die Dinge gut laufen, genannte Spieler ihre Form wieder finden und unverletzt bleiben, dann wird diese Mannschaft Spiele gewinnen und weniger mit genannten Mustern zu kämpfen haben. Sollte dieses Szenario aber ausbleiben, darf man sich Sorgen machen. Für einen Abstiegskampf scheint mir diese Mannschaft wenig gerüstet zu sein.

Samstag ist Nordderby. Die wertkonservative Forderung vieler Fans lautet: „Schämt Euch erstmal für Wolfsburg. Wenn Ihr dann den HSV schlagt, dann vergeben wir euch“. Damit kann ich nichts anfangen und es scheint mir unglaublich kurzfristig gedacht. Ich persönlich glaube, dass sowohl der HSV-Sieg gegen den BVB, als auch Werders Klatsche in Wolfsburg aus SVW-Sicht nicht die schlechteste Voraussetzung für das Spiel am Samstag schaffen. Der springende Punkt für mich: Um das Nordderby muss man sich als Einstellungsfetischist ja die wenigsten Gedanken machen. Aber der Weg geht weiter, zumeist leider ohne einen HSV als Gegner auf dem Platz. | Burning Bush

(Foto: Kreiszeitung Syke)