Mentale Konsolidierung: Die Pizarro-Situation

Ich erinnere mich an Skripniks erste Woche. Seine erste Woche als Cheftrainer des SV Werder Bremen wurde von ausgesprochener, vielerorts herausgeschriehener, Euphorie begleitet. Überbordende Begeisterung – nicht zuletzt ob des Endes der Ära Dutt, eines rückwirkend betrachtet tatsächlich als eher unrühmlich zu bezeichnenden Kapitels, vor allem aber wegen eines Typen Skripnik, mit all seiner positiven Eigenartigkeit, seiner gradlinigen Straightness und dem vermeintlichen 300er-Automatikwortschatz, aus dem zugegebenermaßen jedes Wort gut bis genial war. Nahezu jeder Werderaner (und weit darüber hinaus) konnte den Dingen etwas positives abgewinnen. Alles besser, als noch vor kurzem, die Perspektive ausnahmslos positiv. Eine goldene Zukunft stand ins Haus, es machte wieder Sinn und glücklich Werder-Fan zu sein. Die Stimmung war wunderbar, ausgelassen, sie war voller Hoffnung und über alle Maße vielversprechend. Sie war …

… ein Scheiß im Vergleich mit heute.

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Claudio Pizarro ist zurück bei Werder. Ein Verein, ach was – eine Stadt dreht kollektiv frei, vergisst sich komplett und taumelt im Zustand einer Art schlafwandlerischen Ekstase durch diese grün-weiße Blase aus Liebe, Glaube Hoffnung. In dieser Art hat der SV Werder sowas in seiner bisherigen Geschichte noch nicht erlebt. Einzig wohl Marko Arnautovic teilt diese Einschätzung nicht.

Über die ganze Art und Weise der Verpflichtung, der Begleitung dieses Transfers seitens der Werder-Fans (Wie der Typ, der sich auf dem Klo vom Peruaner inspirieren ließ), bis hin zum Empfang des Stürmers am Bremer Flughafen ließe sich allein ein imposantes Buch inkl. Südamerika-Auflage schreiben. Das war fett. Der Höhepunkt dieser noch jungen Geschichte erfolgte dann am vergangenen Wochenende auf dem Platz in Hoffenheim. Zutaten: Ein gigantischer Spieler, ein bekloppter Trainer und ein magischer Moment – das Märchen, et voila.

Achtung, temporäre Kehrseite: Mal abgesehen vom wahren Preis dieses Deals (Mit „Nichts wird durch den Umstand besser, dass es schon ganz schön lange scheiße ist“, zitiere ich hier mal Nando vom Eisen Bremen mit Blick auf die aktuelle Verlängerung des Wiesenhof-Engagements) sollte man in der Tat vorsichtig sein mit den Erwartungen. Die „Pizza-Polizei“ („zu alt, zu teuer, bringt’s nicht mehr, blockiert die Entwicklung junger Spieler“) merkte in den sozialen Netzwerken jüngst regelmäßig und nicht gänzlich zu Unrecht an, dass dieser Transfer auch seine Risiken birgt.

Die aktuell engelsgleich dargebotene grün-weiße Ballade könnte in der Tat schnell ein jähes Ende finden. Eine Verletzung Pizarros ist alles andere als unwahrscheinlich. Sie könnte der Mannschaft das Vertrauen in die eigene Stärke, das dieser Spieler ihr mit jeder Minute seiner Anwesenheit vermittelt, in doppeltem Maße direkt wieder entreißen – sportlich könnte es dramatisch enden.

Bei aller Euphorie und der Vorfreude auf die ersten Heimspiele sollte man die Erwartungen an die Mannschaft also trotz aktueller Erfolge in überschaubarem Rahmen halten. Dass Claudio öffentlich eine mögliche Teilnahme an internationalen Wettbewerben zum Objekt der Begierde erklärt, begründet sich primär in seiner professionell-ambitionierten Einstellung und Berufsauffassung. Für die Mannschaft, die alle Möglichkeiten hat, an und mit diesem Spieler zu wachsen, könnten diese Ziele durchaus ein Maßstab der eigenen Motivation sein und/oder werden. Für die Bremer Anhängerschaft (oder wenigstens große Teile davon) sind sie aus meiner Sicht aber pures Gift. Wenn nach 4 Spieltagen darüber diskutiert wird, ob Siege gegen Ingolstadt und Darmstadt „Pflicht“ sind und die Champions League ja durchaus „das Ziel sein müsse“, dann sind solche Aussagen nach meiner Meinung bereits klar die ersten Schritte in die falsche Richtung.

Nun steht das erste Heimspiel an. Das erste der dritten Pizarro-Episode bei Werder Bremen. Sollte er erneut entscheidendes zu einem Erfolg unserer Mannschaft beitragen – es gäbe einen unglaublichen Abriss im Weserstadion, da besteht kein Zweifel. Mit einem Ticket für das Spiel fühlst du dich als Bremer gerade wie vorm ersten Mal Knutschen.

Was gerade passiert, scheint aus der Distanz übertrieben, scheint in seinen Auswüchsen unangemessen. Die „Pizza-Polizei“ hat Recht, dieser Deal ist riskant und sicher alles andere als von purer Vernunft dominiert. Und dennoch – ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns nicht nur sportlich und finanziell, sondern gerade auch mental konsolidieren müssen. Wir brauchen ein neues, gesundes Selbstverständnis. Mutige und kreative Aktionen wie ALLEz GRÜN oder #Verhandlungsmasse bereiten den Weg dahin ebenso, wie glückliche Fügungen oder kleine, magische Momente und deshalb ist die Rückkehr von Claudio Pizarro auf so vielen Ebenen das Beste, was Werder Bremen seit langem passiert ist. | BurningBush

(Foto: t-online.de)

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