Der „Duttore“ – Es muss nicht immer Liebe sein

Er kam überraschend. Er kam über Nacht. Er kam als „der Nachfolger“. Robin Dutt trat im Juni 2013 das Erbe des Thomas Schaaf an – ausgewählt von Thomas Eichin, überzeugt im Rahmen einer aufwendigen Nacht-und-Nebel-Aktion durch die gesamte SVW-Geschäftsführung.

Nach den Trainer-Stationen in Ditzingen, bei den Stuttgarter Kickers, in Freiburg und Leverkusen war der gebürtige Kölner zwischenzeitlich als Sportdirektor beim DFB tätig. Eine für ihn nach eigenen Aussagen „unbefriedigende Zeit“. Als die Anfrage aus Bremen kam und durch, mit großem Aufwand betriebene, Gespräche (Fischer, Filbry und Eichin reisten gemeinsam nach Stuttgart um Dutt zu überezugen) untermauert wurde, überlegte Dutt nicht lange, besonn sich auf seine Profession der Arbeit als Bundesligatrainer und beantrage die Freigabe beim Verband. Diese erfolgte prompt und wenig später eröffnete Dutt seine erste PK als Werder-Trainer mit dem schon legendären „Monn, Monn“. Moin!
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Die Reaktionen unter den Fans fielen von Anfang an völlig unterschiedlich aus – nach der Zäsur ergo Trennung von Thomas Schaaf alles andere als verwunderlich. Viele waren per se froh, dass man relativ schnell einen Weg gefunden hatte. Für einige war Dutt die populäre Lösung, mit der man angesichts der negativen Entwicklung des Vereins (Für Tuchel & Co. war ein Verein wie Werder lange schon keine Option mehr) sehr gut leben konnte, ja musste. Aber es gab, insbesondere in der aktiven Fanszene, nicht wenige, die dem Trainer fachliche, insbesondere tatktische, Defizite attestierten und ihm erfolglose Karriereabschnitte wie den in Leverkusen vorwarfen. „Der hat doch nur in Freiburg was gerissen“, nicht selten der Kommentar zur Verpflichtung. Der damals populärste aller Aussprüche lautete allerdings „Ich mag den einfach nicht“.

Der „Duttore“ ist definitiv kein Sympathieträger in der Tradition trockener, spröder WERDERaner wie Schaaf oder Eilts. Er ist kein Kumpeltyp oder einer mit dem man kurz „schnackt“. Wer mal mit ihm am Tisch gesessen oder ihn beim Training mit Fans agieren sehen hat, der weiß das. Seine Interviews wirken oft etwas statisch – das ist auch spröde, aber der gemeine Bremer stellt schon gewisse Ansprüche, sogar an „spröde“. Es wurde schnell klar damals, das alles zukünftig irgendwie anders laufen würde. Zusammenfassend muss man rückwirkend sagen: Bremen war gespannt und voller Hoffnung – Liebe war es nicht.

Darin, Vereins-Traditionen zu brechen, war Robin Dutt von Beginn an alles andere als passiv. Für einen Bremer ganz schlimme Sachen dabei: Kein Freimarkt-Besuch der Mannschaft! Der eine oder andere Aufschrei war zu hören – laut, kurz. Dutt führte auf der anderen Seite gerade intern Veränderungen herbei, die beim besten Willen nicht negativ auslegbar sind. Der Mann hatte noch nicht einmal selbst an seinem Schreibtisch Platz genommen, da waren sein Büro und das seines Co-Trainers Buric bereits durch einen Durchbruch miteinander verbunden. Hier hatte man Jahre und Jahrzehnte getrennt voneinander gewirkt. Kommunikation – auch das war und ist Dutt.

Nach den späten Schaaf-Jahren war man es in Bremen nicht mehr gewohnt, dass seitens der Trainer geredet oder gar gesprochen wird. Schaaf war es zuwider, zumal es zuletzt auch fast nur noch Gegenwind zu kommentieren gab. Dutt hingegen spricht. Er spricht viel, er spricht immer und er erklärt. Er sagt, was er plant, wie er es umsetzen möchte und warum. Damit muss man als Fan erstmal umgehen können. Ich halte diese Art der Offenheit für eine große Leistung, da er sich mit vielen Ansagen, und Erklärungen sehr angreifbar macht. Ihm ist das bewusst – er tut es trotzdem.

Eine der positivsten Neuerungen der Ära Dutt stellt aus meiner Sicht allerdings der Mut zur Meinungsänderung oder Korrektur von Fehlern dar. Robin Dutt hat sich seit Dienstantritt ein paar mal wirklich übel vertan. Sei es personell (Der Einsatz seiner „Wunschverpflichtung“ Cédric Makiadi gegen Freiburg erfolgte gegen jede Logik aus reiner Eitelkeit und nur um es seinem alten Verein zu zeigen) oder auch beim System, das er in einer Phase der vergangenen Saison temporär „dem Publikum zuliebe“ umstellte. Robin Dutt analysierte diese Dinge, korrigierte etwaige Fehler und erklärte seine Motivationen und Gedanken. So etwas mag im modernen Fußbal der Mourinhos und Guardiolas keinen hohen Stellenwert haben – für mich als WERDERaner allerdings eine wichtige Erfahrung und zudem sehr bemerkenswert.

Die Handschrift des Trainers wurde von vielen lange vermisst. Die Meinungen darüber, ob dies ihm oder doch vielmehr dem unzureichenden Kader zuzuschreiben sei, gingen lange ebenfalls weit auseinander. Nun scheint man in dieser Saison vielleicht einen Schritt weiter gehen zu können. Die sportliche Leitung betonte über Monate, dass man den Kader weiterentwickeln müsse – was man in beeindruckender Weise mit kaum wahrnehmbaren Ausgaben getan hat. Die ersten 3 Spiele vermitteln trotz vieler Fehler und Schwächen ein Gefühl davon, wie WERDER in dieser Saison auftreten könnte. Hajrovic, Bartels und Galvez scheinen die gewünschten Verstärkungen zu sein. Zusammen mit Di Santo, Elia oder Junuzovic scheinen sie in der Lage über großen Kampf in technisch anspruchsvolles Spiel umschalten zu können. Sollte sich das bewahrheiten, wäre das nach dem Klassenerhalt im Sommer der zweite große Erfolg des Teams Dutt/Eichin.
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„Ich mag den einfach nicht“, hört man nach wie vor. Ich empfand diese Haltung vieler schon bei Amtsantritt als legitim, aber nicht zielführend. Muss ich selber einen Trainer mögen? Muss ich ihn lustig, sympathisch oder irgendwie smart finden? Was mich von Anfang an von dieser Personalie überzeugt hat, war allein die Tatsache, dass Thomas Eichin in Robin Dutt augenscheinlich den Mann gefunden hatte, mit dem er den Umbruch durchziehen und zeitnah den Aufbruch gestalten könnte  und wollte. Das und nur das ist für mich primär wichtig. Eichin ist der Mann der es richten soll. Er benötigt den passenden Partner, nicht ich.

Der „Duttore“ scheint aktuell motivierter denn je. Er genießt die Zeit in Bremen, offenbart den Fans immer wieder seine Zuneigung und spricht davon, ein Leben lang in diesem Verein arbeiten zu wollen. Er für seinen Teil hat WERDER verstanden und „kann“ den Verein. In der Anhängerschaft wächst die Unterstützung und „Pro Dutt“ ist nicht zuletzt seit Aussagen wie „Es ist halt ein Fehler, uns im Spiel zu lassen“ (Dutt nach dem Leverkusen-Spiel in Richtung Konkurrenz) doch in Großteilen des Umfelds der Status Quo.

Für mich beginnt gerade das Projekt „Aufbruch statt Umbruch“ und die handelnden Personen sind aus meiner Sicht die richtigen. Robin Dutt wird die Mannschaft und das Gefühl vieler WERDERaner weiterentwickeln. Er hat meine Unterstützung und meinen Respekt – es muss nicht immer Liebe sein.

Burning Bush

(Fotos: #werder2013, werder.de)

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2 Kommentare zu „Der „Duttore“ – Es muss nicht immer Liebe sein

  1. „Mit Geduld und Spucke…“ sagt man, und das scheint Werders Weg unter Dutt (inkl. Eichin) zu sein. Meine mentale Unterstützung haben sie beide. Ich denke, es passt zur Zeit (und unter den gegebenen Umständen) alles ganz gut zusammen.
    Die Fans haben ein gutes Gespür, wann im Spielverlauf die Mannschaft die nötige Unterstützung braucht, und ebensolches Gespür scheint auch Dutt für das Werder-Umfeld, Fans und Mannschaft zu haben, und seine eigene Art sich zu integrieren und mit den Gegebenheiten umzugehen passt, wie ich finde, durchaus in die Tradition bremischer Philosophie. Dieses Zusammenspiel sorgt für die entsprechende Ruhe in der Arbeitsatmosphäre, die als werdertypisch bezeichnet werden kann, und aus der die Kraft geschöpft werden kann.
    In diesem Sinne: Weiter so!

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