Keine Zukunft ohne die Vergangenheit

Gestern war mal wieder Abschied in Bremen. Eine ihrer Legenden erhielt im Weserstadion die letzte grün-weiße Ölung. Wieder pilgerten sie alle an die Weser, feierten Ihre Helden vor dem Spiel, währenddessen und danach – Stadion ausverkauft, logo.

Ein Abschiedsspiel für Aílton Gonçalves da Silva oder kurz Ailton a.k.a. das Ailton a.k.a. Kugelblitz. Nötig war es, überfällig sowieso und emotional war es dann natürlich auch. Wie so oft bei derartigen Anlässen in den letzten Monaten. Egal ob beim Abschiedsspiel für Torsten Frings, dem 10-jährigen „Double-Jubiläum“ oder halt gestern – immer riesiger Zuspruch, immer emotionaler Ausnahmezustand.

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In der öffentlichen Berichterstattung heute nur Loblieder auf das Bremer Publikum. „Die Bremer lieben ihre Legenden“, „40.000 feiern“ oder „tränenreicher Abschied“ heißt es. Allerorts schaut man mit einem gewissen Respekt auf die Wertschätzung der Werderfans für Ihre ehemaligen Spieler auch nach so langer Zeit.

Spätestens morgen aber, da lege ich mich fest, wird es schon anders klingen, das Feedback auf die gestrigen Ereignisse. „Jetzt ist auch gut“, „Hört auf in der Vergangenheit zu leben“ oder „das alles wird doch nur so gefeiert, weil es momentan so düster aussieht“, werden sich Menschen mit der Raute im Herzen gegenseitig an den Kopf werfen. Am Mittagstisch, in der Bahn und im Netz. Man wird – zurück im hier und jetzt – wieder anfangen, das eine vom anderen zu trennen und man wird sich im Zwiegespräch mit anderen wieder mal minimum semi-dement vorkommen, wenn man ins Schwärmen gerät, über Ailton, „Killer“ Klasnic, Schaaf oder Le Chef. Ich war immer großer Fan von Tim Wiese  – warum soll ich mich von dieser Neigung abwenden, nur weil er nicht mehr für WERDER spielt und mittlerweile 3 x täglich pumpen geht oder peinliche Autos fährt? Er ist doch immer noch Tim Wiese, der Gigant – überragendes hat er geleistet. Auch er ist mein WERDER BREMEN – für immer.

Ich bin weit davon entfernt ein „Gegenwartsverweigerer“ zu sein oder aktuelle Probleme nicht sehen zu wollen. Ich setze mich mit unserem Verein, der Mannschaft & ihren Fans mehr auseineinder, als das dem einen oder anderen Menschen in meinem direkten Umfeld lieb ist und bin trotz aller regelmäßiger Frustration über Entwicklung und Performance meilenweit davon entfernt „meinem SVW“ den Rücken zu kehren. Trotz dieser aktuellen Anteilnahme wie Kenntnisnahme des aktuellen Notstandes erlaube ich mir, nicht zu vergessen. All die überragenden Highlights der letzten Jahrzehnte, aber genau so wenig vergesse ich die bitteren Momente. Ich erlaube es mir nicht nur – es gehört für mich unmittelbar und unzertrennlich zusammen.

Die grün-weißen „Epochen-Trenner“ werden morgen wieder sehr laut schreien – insbesondere in den Sozialen Medien. Das kann man relativ sicher prognostizieren. Sollen sie … ich kann gewissermaßen nachvollziehen, warum man so empfindet. Meine Haltung zum Verein gibt sowas aber nicht her. Für mich ergibt WERDER nur Sinn im Ganzen – ohne Magath kein Schaaf, ohne zweite keine erste Liga und natürlich bemitleide ich einen Zlatko Junuzović nicht, nur weil ich Johan Micoud für den größten Spieler halte, den wir je hatten. WERDER war und ist das alles und wer mir suggeriert, ich müsse Trennungen zwischen erfolgreichen und unerfolgreichen Zeiten vornehmen, der interpretiert unseren Verein grundsätzlich anders als ich.

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Ich habe mir das Spiel gestern nicht live angesehen, weil mir die Eindrücke der Feierlichkeiten des „Doubiläums“ sowie der Verabschiedung vom „Lutscher“ noch so dermaßen im Bewusstsein schweben, dass ich auf ein erneutes Update gut verzichten kann. Es muss überragend gewesen sein, wie mir die TV-Bilder vor Augen führten. Ich bin begeistert, dass wir immer wieder Spieler nach Bremen holen konnten, die am Ende sowas wie gestern möglich machten. Das Verhältnis von Fans und Spielern war in Bremen immer ein besonderes. Das wird mir, obwohl sowas immer weniger Platz und Wert erhält im moderen Fußball, regelmäßig gespiegelt.

Bei uns wird gemeckert, geunkt und gelästert – Skripnik, Hunt & Fritz könnten Bücher drüber schreiben. Aber die Menschen spüren wenn es darauf ankommt, was jemand leistet, sie stehen hinter dem Verein und seinen Spielern. Das war so und ist so – und ich wünsche mir, dass es so bleibt.

Haltung, Herz & Zusammenhalt macht uns und diesen Verein aus. Wäre das nicht so – und dessen bin ich mir zu 100% sicher – wäre WERDER BREMEN vor nicht allzu langer Zeit aus der Bundesliga abgestiegen.

Forza SVW!

Burning Bush

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4 Kommentare zu „Keine Zukunft ohne die Vergangenheit

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